Kaltgepresstes Öl vs. raffiniertes Öl: Unterschiede, Qualität und Anwendung
Im Supermarktregal stehen sie nebeneinander: kaltgepresste, native und raffinierte Öle – oft von derselben Pflanze, aber zu ganz unterschiedlichen Preisen. Was passiert eigentlich bei der Herstellung, was bleibt im Öl, und welches nimmst du wofür? Wir erklären dir die Unterschiede ohne Mythen und zeigen dir, woran du gute Qualität erkennst.
Was ist der Unterschied zwischen kaltgepresstem und raffiniertem Öl?
Kaltgepresstes Öl wird rein mechanisch ohne zusätzliche Wärme gepresst und danach nur gefiltert, abgesetzt oder zentrifugiert. Es behält Farbe, Geschmack, Vitamin E und viele Begleitstoffe – ideal für die kalte Küche. Raffiniertes Öl wird unter Wärme gepresst oder extrahiert und anschließend in mehreren Schritten gereinigt, zuletzt bei über 200 °C desodoriert. Es ist geschmacksneutral, länger haltbar und hitzestabiler, verliert aber einen Teil seiner Begleitstoffe. Die Fettsäuren derselben Ölsorte sind dagegen praktisch gleich. Kaltgepresst ist also nicht automatisch gesünder, sondern vor allem anders einzusetzen.

3 Takeaways auf einen Blick
Gleiche Fettsäuren
Kaltgepresstes und raffiniertes Öl derselben Sorte haben fast dasselbe Fettsäuremuster. Der Unterschied liegt in Aroma, Begleitstoffen und Hitzestabilität.
Kalt für Aroma
Lein-, Walnuss-, Kürbiskern- oder Schwarzkümmelöl gehören in die kalte Küche: Dressings, Dips, über fertige Gerichte.
Raffiniert für Hitze
Zum scharfen Anbraten und Frittieren sind raffinierte Öle oder spezielle Bratöle die bessere Wahl.
Inhaltsverzeichnis
Was „kaltgepresst“ wirklich bedeutet
Bei der Kaltpressung werden Saaten oder Früchte in einer Schneckenpresse zerdrückt. Das Öl wird rein mechanisch herausgepresst – ohne zusätzliche Wärmezufuhr und ohne chemische Hilfsmittel. Anschließend wird es nur noch gefiltert, absetzen gelassen oder zentrifugiert, um Trübstoffe zu entfernen. Bleiben diese teilweise drin, spricht man von ungefiltertem Öl.
So beschreiben es auch die Leitsätze des Deutschen Lebensmittelbuchs und der internationale Codex Alimentarius. Eine gesetzlich festgelegte Höchsttemperatur gibt es in Deutschland allerdings nicht. Durch die Reibung erwärmt sich das Pressgut ganz von selbst. Viele Hersteller geben deshalb an, dass ihr Öl unter etwa 40 °C gepresst wird.
Kaltgepresst, nativ, nativ extra
- Kaltgepresst: mechanisch, ohne Wärmezufuhr, nicht raffiniert.
- Nativ: wird oft gleichbedeutend verwendet. Auch hier ist das Öl nicht raffiniert.
- Natives Olivenöl extra: eine eigene EU-Güteklasse mit festgelegten chemischen und sensorischen Kriterien.
Die Ausbeute ist bei der Kaltpressung geringer: Ein Teil des Öls bleibt im Presskuchen zurück. Auch das erklärt den höheren Preis.
Weil bei der Kaltpressung nichts „herausgereinigt“ wird, kommt es umso mehr auf die Rohware an: saubere, gut getrocknete und sortenreine Saat. Gute Hersteller prüfen jede Charge im Labor, etwa auf Rückstände und Frische.


Was bei der Raffination passiert
Raffinierte Öle stammen meist aus einer Warmpressung. Der Rest wird häufig mit einem Lösungsmittel wie Hexan aus dem Presskuchen gelöst, das danach wieder entfernt wird. Dann folgt die eigentliche Raffination in mehreren Schritten:
- Entschleimen: Phospholipide und Schleimstoffe werden ausgewaschen.
- Entsäuern: Freie Fettsäuren werden neutralisiert und entfernt.
- Bleichen: Farbstoffe wie Chlorophyll werden mit Bleicherde gebunden.
- Desodorieren: Mit heißem Wasserdampf bei über 200 °C werden Geruchs- und Geschmacksstoffe entfernt.
Das Ergebnis ist ein helles, geschmacksneutrales Öl, das länger haltbar ist und beim Braten weniger schnell raucht. Gleichzeitig werden unerwünschte Stoffe wie Rückstände von Pflanzenschutzmitteln reduziert.
Der Preis dafür: Vitamin E, Pflanzensterole, Farb- und Aromastoffe gehen teilweise verloren. Bei den hohen Temperaturen können zudem sogenannte Prozesskontaminanten entstehen, vor allem Fettsäureester von 3-MCPD und Glycidol. Für sie gelten in der EU Höchstgehalte, und die Hersteller haben ihre Verfahren in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.
Ist kaltgepresstes Öl gesünder?
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, was du vergleichst. Das Fettsäuremuster eines Öls hängt von der Pflanze ab, nicht von der Herstellung. Kaltgepresstes und raffiniertes Rapsöl enthalten also fast gleich viel Ölsäure, Linolsäure und Alpha-Linolensäure.
Unterschiede gibt es bei den Begleitstoffen: Kaltgepresste Öle enthalten mehr Vitamin E, Pflanzensterole, Polyphenole und Aromastoffe. Bei Schwarzkümmelöl gehört dazu auch Thymochinon, das für den typisch würzigen Geschmack sorgt. Wer sich abwechslungsreich ernährt, nimmt viele dieser Stoffe aber auch über Nüsse, Saaten, Gemüse und Vollkorn auf.
Was wirklich zählt
Wichtiger als „kalt oder raffiniert“ ist die Wahl der Ölsorte. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt vor allem Rapsöl, weil es ein günstiges Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren hat. Für einige Fettsäuren gibt es zugelassene Aussagen: Linolsäure trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei. Die positive Wirkung stellt sich bei einer täglichen Aufnahme von 10 g Linolsäure ein. Alpha-Linolensäure trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei – bei einer täglichen Aufnahme von 2 g.
Ein guter Alltagsweg: ein raffiniertes oder hitzestabiles Öl zum Braten, dazu ein bis zwei kaltgepresste Öle für Salat und Brot.

Welches Öl wofür?
Die richtige Wahl hängt davon ab, wie heiß es in der Pfanne wird. Diese Faustregeln helfen dir im Alltag:

Temperaturen, Rauchpunkt und Alltagstipps
Jedes Öl zersetzt sich, wenn es zu heiß wird. Ein guter Hinweis ist der Rauchpunkt: Steigt sichtbar Rauch auf, ist das Öl überhitzt. Dann entstehen Stoffe, die im Hals kratzen und die du nicht essen solltest – Öl und Speise gehören dann weg.
- Braten gelingt am besten bei etwa 130 bis 140 °C.
- Frittieren liegt bei 160 bis 170 °C.
- Über 200 °C sollte kein Öl erhitzt werden – egal ob nativ oder raffiniert.
Neben dem Rauchpunkt zählt die Fettsäurezusammensetzung: Je mehr mehrfach ungesättigte Fettsäuren ein Öl hat, desto weniger hitzestabil ist es. Ölsäurereiche Öle wie natives Olivenöl oder kaltgepresstes Rapsöl vertragen sanftes Braten und Dünsten. Leinöl, Walnussöl und Schwarzkümmelöl dagegen gehören nur in die kalte Küche.
Drei Ideen für die kalte Küche
- Joghurt-Dip: 150 g Joghurt, eine Prise Salz, Zitronensaft und 1 Teelöffel Schwarzkümmelöl.
- Ofengemüse: erst nach dem Backen mit einem Löffel kaltgepresstem Öl beträufeln.
- Quark mit Leinöl: der Klassiker zu Pellkartoffeln.
Woran du ein gutes kaltgepresstes Öl erkennst
- Klare Bezeichnung: „kaltgepresst“ oder „nativ“ steht auf dem Etikett. Fehlt jeder Hinweis, ist das Öl meist raffiniert.
- Dunkles Glas: Braun- oder Violettglas schützt vor Licht.
- Bio-Qualität: Da kaltgepresste Öle nicht raffiniert werden, ist eine saubere Rohware besonders wichtig.
- Herkunft: Gute Hersteller nennen das Herkunftsland der Saat.
- Frische: Ein Mindesthaltbarkeitsdatum, das nicht zu knapp ist, und eine Flaschengröße, die zu deinem Verbrauch passt.
- Geruch und Geschmack: sortentypisch, frisch und nie muffig.
Begriffe wie „aus erster Pressung“ klingen gut, sind aber wenig aussagekräftig. Verlass dich lieber auf die genannten Kriterien.
Richtig lagern
Kaltgepresste Öle sind empfindlicher als raffinierte. Bewahre sie kühl und dunkel auf, nach dem Öffnen am besten im Kühlschrank. Wie lange Schwarzkümmelöl hält und woran du ranziges Öl erkennst, liest du in unserem Ratgeber zur Haltbarkeit von Schwarzkümmelöl.

Öl-Mythen im Faktencheck
„Kaltgepresste Öle darf man nie erhitzen.“ Ölsäurereiche native Öle wie Oliven- oder Rapsöl vertragen sanftes Braten. Nur sehr empfindliche Öle wie Lein- oder Schwarzkümmelöl bleiben besser kalt.
„Raffiniertes Öl ist ungesund.“ Nein. Es enthält dieselben Fettsäuren, nur weniger Begleitstoffe. Für Prozesskontaminanten gelten Höchstgehalte.
„Kaltgepresstes Öl hat mehr Omega-3.“ Das Fettsäuremuster hängt von der Pflanze ab, nicht von der Pressung. Mehr Omega-3 liefert zum Beispiel Rapsöl im Vergleich zu Sonnenblumenöl.
„Ein hoher Rauchpunkt macht jedes Öl hitzefest.“ Auch die Fettsäuren zählen. Öle mit vielen mehrfach ungesättigten Fettsäuren oxidieren beim Erhitzen schneller.
FAQ — Kaltgepresste Öle
Kann man kaltgepresstes Öl erhitzen?
Ölsäurereiche Öle wie natives Olivenöl oder kaltgepresstes Rapsöl ja, bei mittlerer Hitze. Lein-, Walnuss- und Schwarzkümmelöl solltest du nicht erhitzen.
Ist kaltgepresstes Öl gesünder als raffiniertes?
Es enthält mehr Begleitstoffe wie Vitamin E und Aromastoffe. Die Fettsäuren sind aber nahezu gleich. Wichtiger ist die Wahl der Ölsorte.
Was bedeutet „nativ“ bei Speiseöl?
Nativ bedeutet, dass das Öl mechanisch gewonnen und nicht raffiniert wurde. Bei Olivenöl gibt es zusätzlich die Güteklasse „nativ extra“.
Welches Öl eignet sich zum scharfen Anbraten?
Raffiniertes Rapsöl oder ein spezielles Bratöl, etwa High-Oleic-Sonnenblumenöl. Erhitze es trotzdem nicht über 200 °C.
Wie lange ist kaltgepresstes Öl haltbar?
Ungeöffnet meist bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum. Geöffnet je nach Sorte einige Wochen bis wenige Monate – Leinöl am kürzesten.
Woran erkenne ich raffiniertes Öl?
Es ist hell, klar und fast geschmacksneutral. Auf dem Etikett fehlt meist ein Hinweis wie „kaltgepresst“ oder „nativ“.
Warum ist kaltgepresstes Öl teurer?
Die Ausbeute ist geringer, die Rohware muss besonders sauber sein, und das Öl ist empfindlicher in Lagerung und Transport.
Ist Schwarzkümmelöl immer kaltgepresst?
Speiseöl aus Schwarzkümmel wird meist kaltgepresst angeboten, weil sein Aroma gerade die Begleitstoffe ausmachen. Achte trotzdem auf die Angabe auf dem Etikett.
Quellen & weiterführende Lektüre5 Referenzen
- Verbraucherzentrale: Speiseöle – welche eignen sich für was?Verbraucherzentrale
- Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission: Leitsätze für Speisefette und Speiseöle.Lebensmittelbuch
- Codex Alimentarius: Standard for Named Vegetable Oils (CXS 210-1999).FAO/WHO
- EFSA CONTAM Panel (2016): Risks for human health related to the presence of 3- and 2-monochloropropanediol (MCPD), and their fatty acid esters, and glycidyl fatty acid esters in food. EFSA Journal 14(5):4426.EFSA
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission: Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel.EU









